Rhön-Fahrt der Jahrgangsstufe 9

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Seit Jahren gibt es am Helmholtz eine Klassenfahrt in die Rhön. Seit Jahren hat sie ein bewährtes Programm. Seit Jahren schreibt jemand danach einen Fahrtbericht. Immer würde ein Bio-Lehrer denselben Hormoncocktail dafür verantwortlich machen, was alles passiert ist. Und trotzdem: Jedes Jahr ist ein erstes Mal – weil jeder Jahrgang besonders ist und die Dinge auf seine Weise meistert – zugewandt, ungefiltert, ehrlich und neugierig.

„Wir fahren in die Rhön? Geil, Frankreich!“

Mit dem Koffer in der Hand schaue ich in ein strahlendes Gesicht und weiß: Partystimmung ist jetzt schon garantiert, der Erdkunde-Leistungskurs noch nicht so ganz.

Dass unser Reiseziel Oberbernhards nicht in der Camargue liegt, sondern in Hessen, soll nicht die einzige Überraschung der Klassenfahrt bleiben, die jede Schülerin und jeder Schüler in der Mittelstufe unternimmt. Eine Woche Erlebnisorientierung – und zwar für alle Beteiligten.

„Ah, jau, ihre Schüler waren heute auch schon da!”, grinst bald darauf eine Fuldaer Fachverkäuferin, die in ihrer altmodischen Parfümerie Chanel-Pröbchen an einen Gutteil der insgesamt 112 Jugendlichen ausgehändigt hat, “und zwar die guten!”.

Zu den winzigen Glasflaschen gesellen sich im Zuge der Stadtrallye mit Hochtausch-Challenge ein Luxus-Täschchen sowie eine Beethoven-Schallplatte, die eine Gruppe Jungs den Rest des Tages monstranzartig durch die Innenstadt trägt.

„Beethovens Neunte”, lesen sie vor. Wobei niemand Staffel 1 bis 8 kenne. Nun ja. Reiche Beute machen sie auch im Senioren-Strumpfladen, aus dem uns eine vergnügte Clique entgegenrennt und von einer sehr netten Dame namens Oma Adelheid berichtet.

„Frau Brune?”

„Mhm?”

„Wir haben heute sehr vielen Leuten den Tag besser gemacht!“

Ganz sicher. Und dazu einigen Leuten die Nacht kürzer. Klassenfahrten bedeuten ja für Lehrkräfte naturgemäß freien Eintritt in eine Art Indoor-Prater. Die Jugendherberge – ein Vergnügungsviertel mit riesiger Fußballwiese, Lagerfeuer, Hängematten, gutem Essen und drei Stockwerken voller Attraktionen aus dem Leben von Fünfzehnjährigen.

Am Boden des ausgetrunkenen Abends bleiben Schlappen auf fremden Balkonen zurück, Größe 44, die morgens erstmal einem linken Freiersfuß zugeordnet werden müssen – quasi Aschenputtel, nur mit Boombox. Rübergeworfene Gummischlangen, Haarbürsten und Liebesbriefe liegen herum, alles einmal miteinander umgerührt und gleichmäßig dort ausgebreitet, wo einst geräumige Achtbettzimmer waren, durch die man als Lehrkörper watet wie durch einen Pubertätssumpf. Ein Ökosystem, dem alles zuzutrauen ist. Der Raum ist gesättigt mit lustigem Lärm, Gewusel und Geruch, der das Potenzial für eine Sondermeldung in der NINA-Warnapp hat. Morgens fallen die Jugendlichen aus der Herbergstür wie Superhelden aus einem rauchenden Hochhaus: “Boa, Geruchsfreiheit!!”

Ich betrachte das herrliche Chaos im Zimmer von der Tür aus.

„Räumt ihr vorm Essen mal ein bisschen auf?“, versuche ich ein jetzt schon aussichtsloses Unternehmen.

„Klar!“, ruft ein Jogginghosenträger kooperativ – und sprüht eine ordentliche Ladung Deo auf die rumliegenden Socken und sonstigen Heranwachsenden-Bedarf. Die verwendete Achselpflege könne nicht ganz trennscharf vom zuvor konfiszierten Pupsspray unterschieden werden, gibt ein Zimmerkollege zu bedenken.

“Schon auch mit Hochheben…”, nehme ich einen hoffnungsvollen zweiten Anlauf.
Er hält mit spitzen Fingern seinen vom Leben gezeichneten Strumpf in die Höhe. Das nachmittägliche Fußballmatch hat darauf schwarze Erdstreifen hinterlassen.

„Gucken Sie mal”, stellt er grinsend fest. “Tan Lines!!“

Der Oma-Fachstrumpfladen Fulda wäre stolz gewesen. Und jede Comedy-Show eh. Man muss nicht aufräumen – man muss das wunderbare Chaos nur in eine jugendliche Ordnung umdeuten, die einfach einer anderen Logik folgt. Hineingeworfen in die Parallelgesellschaft Pubertät lernt man als Lehrerin, die Welt neu zu betrachten.

Den Mut zu bestaunen, mit dem die Jugendlichen bei der Nachtwanderung durch den raschelnden Wald und einen ehemaligen Eisenbahntunnel spazieren, in dem die Fledermäuse die quietschenden Kinder betrachten und um ihre Ultraschallfrequenz bangen. Die Milchstraße ist in dieser Nacht so deutlich zu sehen wie morgens verschüttet auf dem Buffet der Jugendherberge. Vor dem Fenster des Speisesaals wiegen sich schwere Pflaumenbäume und Kühe, die sich von den Kindern landwirtschaftliche YouTube-Videos zeigen lassen, sobald ein bisschen Internet herüberweht. Das ist nicht häufig. Die Handys sind fast vergessen.

Man freut sich, ihren klugen Fragen zu lauschen, die sie den Zeitzeugen im Dokumentationszentrum Point Alpha stellen – einem ehemaligen amerikanischen Posten auf der Grenze zwischen Ost und West, an dem einst der Kalte Krieg zu eskalieren drohte. Ihr Durchhaltevermögen zu bewundern, mit dem sie den vierstündigen Marsch auf die Wasserkuppe unternehmen und den steilen Hang mit der puren Kraft von Gummibärchenkuchen, Musik und Gemeinschaft bewältigen – in einem Alter, in dem Freundschaften und Beziehungen so rasant auf und ab gehen wie die Fahrt in der Sommerrodelbahn, die als Belohnung auf der Bergkuppe winkt.

Ich lausche ihren ernsthaften Diskussionen über die Welt, bei Stockbrot am Lagerfeuer: Jeden Tag neuer Kummer, neuer Quatsch, neue Fähigkeiten entdeckt, wieder ein kleines Stück von der Welt gesehen! Das Leben im Schnelldurchlauf – stressig, verschwitzt, aufregend und toll. In einem Setting, in dem Lehrer und Mücken etwa gleich lästig sind: Beide kommen, wenn nachts Licht im Zimmer an ist. Bei den Mücken erinnert man sich allerdings morgens noch an ihr zentrales Anliegen. Die Einschlaf-Bitten hingegen jucken niemanden.

„Kinder“, seufzt es selbstkritisch aus einem Hochbett bei der vierten Gute-Nacht-Sag-Runde, weil um Mitternacht immer noch nicht Ruhe ist. „Erst schreien sie nur, dann isses kurz okay, und dann ist Pubertät und sie schreien wieder!“

Während ich leise die Tür schließe, hinter der alle wieder aus den Federn klettern, hoffe ich, dass sie später genauso viel aus ihren Erinnerungen hervorkehren werden wie der Sockenexperte bei unserer Abreise unter seinem Stockbett. Wir Lehrerinnen und Lehrer werden diese Erlebnisse auf jeden Fall in Ehren halten.

Danke, 9. Klasse!

Kerstin Brune